Die ersten "Evangelischen " im Kleinwalsertal.
Das Kleinwalsertal war, seitdem es zu Österreich gehört (1453) , ein rein katholisches Gebiet.
Mit dem beginnenden Fremdenverkehr kamen in den 20er Jahren erstmals "Evangelische" aus Deutschland ins Tal.
Die ersten evangelischen Gottesdienste wurden bereits 1925 in der Klinik Dr. Backer (Sanatorium) in der Schwende in Riezlern gehalten.
Zunächst kam einmal im Monat der nächste evangelische Geistliche aus Sonthofen ins Tal, um mit den Patienten Gottesdienst zu feiern.
Im Sommer 1933 fand erstmalig ein evangelischer Gottesdienst für die ortsansässigen "Evangelischen" und die Kurgäste statt.
Von da an wurde in mehr oder weniger großen Abständen Gemeindegottesdienst in Pensionen und Gasthäusern gehalten.
Als 1937 das württembergische Diakonenehepaar
Albert und Martha Bantel
in Hirschegg ein Freizeit- und Jugendheim errichteten,
gewann die evangelische Ortsgemeinde einen Mittelpunkt,
um den sich ein kleiner, treuer Kreis sammelte.
Von Anfang an waren die evangelischen Gemeideglieder eng mit dem Vikariat Oberstdorf verbunden.
1939 wurden sie vom Oberkirchenrat in Wien vom Sprengel der evangelischen Pfarrgemeinde Bregenz gelöst und dem
Vikariat Oberstdorf angegliedert.
Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland sah sich die kleine Gemeinde gezwungen, einen Saal zu mieten, denn Gottesdienste waren fortan nur noch in kircheneigenen Räumen zulässig.
So wurde 1940 der sogenannte "Betsaal",
eine ehemalige Schreinerwerkstatt am Zwerbach in Riezlern
(dem jetzigen Schwäbisch-Gmünder-Haus),
als Gottesdienstraum eingeweiht.
Im Hotel "der Berghof" in Hirschegg lebte damals
Pfarrer i.R. Martin Siemens, der mit Genehmigung der Oberstdorfer Geistlichkeit Taufen, Trauungen und auch des öfteren Sonntagsgottesdienste hielt.
Bedingt durch die Kriegswirren kam im Herbst 1943
die Vikarin Lydia Schröder aus Wuppertal ins Tal und übernahm die Betreuung der Diasporagemeinde.
Ihr Domizil war das "Breitachhaus" in Riezlern-Seite.
Während des 2.Weltkrieges gelangten immer mehr evangelische Christen ins Kleinwalsertal, darunter viele Evakuierte aus dem bombengeschädigten Reinland. Dazu kam 1945 eine große Zahl von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen. In den Monaten des Zusammenbruches des Dritten Reiches wurde es dringend notwendig, jeden Sonntag im Betsaal in Riezlern und in der Pension des
Diakons Bantel (Hoheneck) in Mittelberg Gottesdienste zu halten. Die Räume erwiesen sich bald als zu klein, zumal auch die Zahl der Urlauber ständig zunahm. Außerdem wurden die Räume von ihren Besitzern für andere Zwecke gebraucht. Ein Kirchenbau wurde immer notwendiger.
Der Kirchenbau.
1949 wurde ein Kirchenbauverein gegründet, dem die Familien Rosenberger, Bantel, Janak, Stingele, Bindewald, Hägele, Wechs, Bitschnau, Lucius und Siemens angehörten. Ein Grundstück konnte nach mühevoller Suche von Herrn Lukas Kessler ("Finanzesch-Buab") in Hirschegg relativ günstig erworben werden. Der erste Baufond aus Spenden der Mitglieder der kleinen Berggemeinde betrug 3500.- DM. Bedeutende Zuschüsse bzw Spenden kamen vom Gustav-Adolf-Verein in Württemberg und von den lutherischen Kirchen Hannovers, Bayerns und Schwedens. Die für die damalige Zeit hohe Bausumme betrug 130.000.- DM
Als Architekt der Kreuzkirche wurde der bekannte Regierungsbaumeister Gustav Gsaenger aus München beauftragt. Ihm zur Seite stand der Oberstdorfer Architekt Fritz Horle, der die örtliche Bauleitung übernahm.
Am 9.Juni 1952 konnte der erste Spatenstich vorgenommen werden und bereits am 20.Juli fand die Grundsteinlegung statt. Die Bauarbeiten führten Handwerker aus dem Tal, dem Allgäu und dem "Ländle" (Vorarlberg) aus.
Am 23.August wurde Richtfest gefeiert. Im selben Jahr wurde die beliebte Vikarin Schröder nach Wuppertal versetzt. Leider konnte sie die Fertigstellung der Kreuzkirche nicht mehr miterleben, für deren Bau sie sich mit dem Oberstdorfer Pfarrer Gabriel und dem Kirchenbauverein so engagiert eingesetzt hatte.
Im August 1952 kam dann der erste Vikar aus der bayrischen Landeskirche, Herbert Grosse, ins Tal. Eine seiner vielen Aufgaben war es, die Fertigstellung der Bergkirche voranzutreiben. Ein Jahr später war die kleine Bergkirche zur Freude der evangelischen Gemeindeglieder weiss strahlend bis weit hinein ins Tal zu sehen. Der Rundbau erinnert mit dem breit angelegten Turm an eine kleine wehrhafte Burg, die swich wohlfällig in die Landschaft einfügt.
Wunderschön ist die holzgeschnitzte Altargruppe, in der der Gekreuzigte umgeben ist von zwei Engeln. Sie stammt vom Bildhauer Andreas Schwarzkopf aus Ruhpolding. Für die architektonische Gestaltung erhielt die Bergkirche von der bayrischen Landeskirche den ersten Preis.
Am 19.Juli 1953 wurde die Kreuzkirche unter sehr großer Beteiligung der örtlichen Gemeinde und vieler Gäste vom Münchner Oberkirchenrat Schabert eingeweiht. Es war ein unvergesslicher Tag für die evangelische Talgemeinde.
Die weitere Entwicklung und erste "Highlights"
1960 wurde die wegen der vielen Feriengäste zu klein gewordene Kreuzkirche durch einen harmonisch angefügten Anbau erweitert, so dass sie nun 250 Sitzplätze hatte. Ein Jahr später wurde das alte Harmonium durch eine Orgel der Firma Ott aus Göttingen (13 Register) ersetzt.
1962 wurde das Pfarr-und Mesnerhaus direkt an die Kirche angebaut. Dort wohnte von Anfang an bis zum Mai 1993 die Mesnerin und Organistin Elsbeth Kessler, die erst im Alter von 85 Jahren ihren Dienst beendete.
Seit 1947 spielte sie das Harmonium bzw. später die Orgel der Kreuzkirche. Während die Vikare wechselten, hielt sie treu und engagiert die Stellung und erlebte alle Höhen und Tiefen der evangelischen Gemeinde mit. Mit der Orgel begannen die Orgel- und Kirchenkonzerte in der Kreuzkirche. Sie führten dazu, dass so manche einheimische Katholiken der Musik zuliebe ihre Scheu überwanden und ihren Fuß in die evangelische Kirche am Berg setzten. Allmählich wichen die Vorbehalte aus den Gemütern der Walser und sie begannen ihre evangelischen Mitbürger besser zu verstehen und einzuschätzen.
Ein bedeutendes Ereignis für die Diasporagemeinde war der Besuich des Bischofs der Evangelischen Kirche Österreichs.
Oskar Sakrauski im Jahre 1978.Zwanglos begegneten sich die katholischen und evangelischen Geistlichen im Gemeindesaal zum freundschaftlichen Umtrunk. Bischof Sakrauski erklärte, dass er im Kleinwalsertal eine gepflegte Gemeinde vorgefunden habe, eine wunderschöne Kirche und ein gutes Einvernehmen mit den katholischen Geistlichen und der politischen Führung des Tales.
Dazu haben all die Jahre die Vikarfe mit ihrer freundlichen, offenen und diplomatischen Art beigetragen.
Am 24.Dezember 1979 erlebten ca. 8 Millionen Zuschauer vor den Fernsehapparaten in Westdeutschland die evangelische Christvesper in der Kreuzkirche mit. Bischof Sakrauski hielt die Festpredigt. die "Walser Maika" und der katholische Kirchenchor aus Mittelberg sangen in ihern Walsertrachten Weihnachtslieder in Walser Mundart.
Anlässlich des IX. Internationalen Walser Treffens, das erstmals im Kleinwalsertal stattfand, fand ein ökumenischer Gottesdienst mit katholischen, reformierten und lutherischen Walsern in Mittelberg statt.
Die raschen Wechsel der vielen Vikare ließen in der Gemeinde den sehnlichen Wunsch nach einem Pfarrer aufkommen, der endlich einmal längere Zeit bleiben kann. Anfang 1989 wurde dieser Wunsch wahr. Mit Pfarrer Mathis Steinbauer kam der erste Seelsorger ins Tal, der seine "Zeit zur Anstellung" bereits hinter sich hatte.
Im November 1991 besuchte erstmalig ein katholischer Bischof, Dr.Klaus Küng von der Diözese Feldkirch, anlässlich der Visitation der katholischen Pfarrgemeinden des Tales die evangelische Kreuzkirche.
Auf Initiative von Pfarrer Steinbauer wurde erstmals im Sommer 1991 gemeinsam mit den katholischen Gemeinden ein ökumenischer Gästebrief herausgegeben. Am 16.Juli 1993 fand anlässlich des
40jähringen Bestehens der Kreuzkirche das erste Alpen-Open-Air-Konzert mit christlichen Rock-und Popgruppen statt, das gemeinsam mit den katholischen Pfarreien und dem Theater-und Kulturverein veranstaltet wurde.
Tatkräftige Unterstützung erfuhren die so häufig wechselnden Seelsorger der evangelilschen Berggemeinde zunächst durch das seit 1937 im Tal lebende Diakonenehepaar Albert und Martha Bantel und in den letzten drei Jahrzehnten durch ihren Sohn, Frieder Bantel und seine Frau Elisabeth.
Seit über 20 Jahren steht Frieder Bantel bereits als Kirchenvorsteher und Lektor im Dienst der evangelisch-lutherischen Kirche. Seit einigen Jahren wird er von der zweiten Kirchenvorsteherin aus dem Kleinwalsertal, Frau Magdalene Niederegger unterstützt, die auch als Organistin tätig ist.
Die evangelische Kirchengemeinde im Kleinwalsertal ist weiterhin eine relativ kleine Schar mit ca. 500 Mitgliedern, von denen etliche Saisonarbeiter sind. Der ständig zunehmende Fremdenverkehr macht die Urlauberseelsorge für den Pfarrer zu einem zweiten, sehr wichtigen und lohnenden Schwerpunkt. Zwei Urlauberseelsorger und mehrere Urlauberkantoren, die je 4 Wochen pro Jahr an der Kreuzkirche ihren Dienst tun, helfen mit, dass die zahlreichen, regelmäßigen Angebote über mehrere Monate hinweg durchgeführt werden können.
Irmin Schwendiger, Juli 1993
(Leicht gekürzter Artikel zum 40jährigen Jubiläum der Kreuzkirche)
Sonntag, 10.00 Uhr
(jeden zweiten Sonntag
mit Abendmahl)
Termine und Infos:
weitere Termine
über Veranstaltungen
der ev.luth.Kreuzkirche
Berggottesdienst unter:
www.berggottesdienste.de